Predigen & Theologie

Wenn das Evangelium strahlt – Was eine evangeliumszentrierte Predigt ausmacht

Von David King

David King ist Pastor der Concord Baptist Church in Chattanooga, Tennessee. Der Artikel erschien zuerst bei 9Marks. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
Artikel
03.02.2021

Ist die Braut des Prinzen (Princess Bride) ein Filmklassiker? Wenn einprägsame Zitate zählen, dann auf jeden Fall! Einer der Zitatklassiker kommt vom geliebten Inigo Montoya, der von Vizzinis wiederholtem Ausruf verwirrt ist: „Unvorstellbar!” Montoya reagiert schließlich darauf: „Das sagst du aber oft. Ich glaube nicht, dass wir dasselbe darunter verstehen!“ Wenn ich die häufig wiederholte Beschreibung von Predigten höre, die evangeliumszentriert sein sollen, höre ich Inigo Montoya. Wir verwenden das Wort ständig und ich glaube nicht, dass es bedeutet, was wir denken, dass es bedeutet. Also, lasst uns darüber nachdenken.  

Was eine evangeliumszentrierte Predigt nicht ist

Eine kurze Liste von Verneinungen hilft uns, die Grenzen besser zu ziehen, was wir darunter verstehen: 

  • Es sollte verneint werden, dass eine Predigt evangeliumszentriert ist, nur weil sie auf der Bibel basiert. Es gibt eine Art und Weise die Bibel zu predigen – sogar Vers-für-Vers, selbst die Teile über Jesus – die vernichtend ist. Die Pharisäer und Leviten waren Meister der Schrift, doch Jesus ermahnte sie, nicht verstanden zu haben, dass die ganze Schrift von Christus zeugt (Johannes 5,39-40). 
  • Es sollte verneint werden, dass eine Predigt evangeliumszentriert ist, nur weil sie Menschen mit der Gnade getröstet hat. Die Gnade des Evangeliums tröstet nicht nur, sondern fordert uns auch heraus. Sie rechtfertigt und heiligt. Sie verwurzelt uns in den Indikativen und hilft uns, in den Imperativen zu wachsen: Dir ist vergeben; nun geh hin und sündige nicht mehr!
  • Es sollte verneint werden, dass eine Predigt evangeliumszentriert ist, nur weil sie auf Jesu Tod und Auferstehung für Sünder verweist. Sicherlich ist der Tod und die Auferstehung Jesu für Sünder der Kern des Evangeliums (1Kor 15,1-4). Doch eine pflichtgemäße Zusammenfassung dieser Botschaft – so als ob sie ein Punkt auf einer Checkliste ist oder eine obligatorische Fußnote – ist sicherlich nicht, was es bedeutet evangeliumszentriert zu predigen.

Was eine evangeliumszentrierte Predigt ist

Das Wort „zentriert“ ist einer der Gründe für unsere Verwirrung. Was genau bedeutet „zentriert“ in Bezug auf die Predigt der guten Botschaft Jesu? Ich möchte das mit einem Bild beantworten. Wir sollten uns wünschen, dass das Evangelium in unseren Predigten in einer Art und Weise zentral behandelt wird, wie die Sonne es im Solarsystem ist. In unserem Solarsystem dreht sich alles um die Sonne und wird durch sie erhellt und erwärmt. Die enorme Masse der Sonne schafft eine Anziehungskraft, die das gesamte System zusammenhält. Das strahlende Licht der Sonne und ihre Hitze erreicht alle Objekte in ihrer Umlaufbahn. So sollte es mit dem Evangelium in unseren Predigten sein. Christus, der Erlöser, ist die Sonne und die Bibel das Solarsystem. Jeder Abschnitt, jede Lehre, jedes Thema – alles dreht sich um das rettende Werk Jesu. Jesu Leben, Tod und Auferstehung strahlen und erwärmen sowohl die ganze Offenbarung Gottes, als auch die Leute in ihren Bänken und den Prediger selbst. Den Grad, in dem eine Predigt diese Realitäten reflektiert, ist der Grad, in welchem eine Predigt auf das Evangelium zentriert ist. 

In einer evangeliumszentrierten Predigt ist das Evangelium wie die Sonne, die jeden Aspekt der Predigt in seine Umlaufbahn zieht, ihn mit Licht und Wärme erstrahlen lässt. Eine evangeliumszentrierte Predigt ist eine evangeliumsstrahlende Predigt.

Diagnostische Fragen 

Unsere Predigten mit unserem Solarsystem, mit der Sonne im Zentrum, zu vergleichen ist hilfreich, doch nun müssen wir etwas praktischer werden. Gibt es einen Weg, wie wir evaluieren können, wie gut wir unsere Predigten auf das Evangelium zentriert haben? Im Folgenden wollen wir uns drei diagnostische Fragen ansehen, die uns helfen können, unsere Predigten zu evaluieren. Diese Fragen sind im Wesentlichen positive Aussagen im Kontrast zu den vorher genannten Verneinungen. 

(1) Hat das Evangelium, wie die Sonne, auf den Predigttext gestrahlt?

Der Hauptpunkt des Textes wurde im Licht des Evangeliums verkündigt. Egal, ob es mit der Schöpfung, Geschlechterrollen, Bündnissen, Tempel, Opfer, Heiligkeit, Gericht, Segen, Fluch, Reinheit, Gebet, Ehe, Singlesein, Einheit, Gerechtigkeit, Mission, Vater, Geist oder was auch immer zu tun hat – der Hauptpunkt des Textes wurde mit einem klaren Verständnis davon gepredigt, wie Jesu Tod und Auferstehung ihn erfüllen, neu formen, ermöglichen oder verstärken. Kurz gesagt, der Hauptpunkt des Textes wird klar in Beziehung zu Jesu Rettungswerk gesetzt. Keine echte evangeliumszentrierte Predigt träfe auf Zustimmung in einer Synagoge oder in einer Moschee.   

(2) Hat das Evangelium, wie die Sonne, in das Leben der Zuhörer hinein gestrahlt?

Das Evangelium erleuchtet nicht nur den Hauptpunkt des Textes, sondern auch das Leben der Zuhörer. Evangeliums-Zentriertheit strahlt sowohl in der Auslegung als auch in der Anwendung. Leute werden aufgerufen, ihr Leben als Antwort auf das Evangelium zu leben. Im Licht der Gnade Gottes in Christus werden Ungläubige aufgerufen, umzukehren und zu glauben, um gerettet zu werden. Im Licht der Gnade Gottes in Christus werden Gläubige ermutigt, ihr altes Ich abzulegen, in ihrem Denken erneuert zu werden und das neue Ich anzuziehen. Das lebensverändernde Licht der Gnade erleuchtet in einer echten evangeliumszentrierten Predigt. Die Imperative des Evangeliums folgen auf die Indikative und beides sollte nicht verneint werden. 

(3) Hat das Evangelium, wie die Sonne, in das Herz des Predigers hinein gestrahlt?

Eine Erwähnung des Evangeliums ist bei weitem besser als überhaupt keine Erwähnung des Evangeliums. Doch in einer echten evangeliumszentrierten Predigt wurde der Prediger ergriffen von den Implikationen des Evangeliums aus dem Text. Er selbst hat das Licht gesehen und die Wärme der Sonne gespürt und so steht er vor der Gemeinde und fühlt sich nicht wie Pluto, weit entfernt von der Sonne, sondern wie Merkur, ganz nah dran. Er selbst ist voller Freude in Christus. Deshalb ist der Prediger ernsthaft in seinem Wunsch für seine Gemeinde, dass sie seine Freude teilen. Er verkündigt das Evangelium nicht als einen Vorspann, der vergessen werden soll, sondern als die Schlagzeile. 

Unvorstellbar!

Das ist die evangeliumszentrierte Predigt in bester Form: eine Verkündigung, in der das Evangelium wie die Sonne auf das Leben der Zuhörer und des Predigers scheint. Das einzig Unvorstellbare ist, wenn man versuchte, Evangeliums-Zentriertheit mit schwächeren Begriffen zu definieren. Also denk darüber nach, was sie nicht ist! Stelle die Diagnosefragen! Und lerne, das Evangelium wie die aufgehende Sonne zu predigen, die „vom Ende des Himmels ausgeht und bis an sein Ende umläuft; nichts ist vor ihrer Glut verborgen” (Psalm 19,7). Eine evangeliumszentrierte Predigt ist eine evangeliumsscheinende (strahlende?)Predigt.


Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Evangelium21 übersetzt. Mehr evangeliumszentrierte Ressourcen gibt es auf evangelium21.net.

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