Predigen & Theologie

Umkehr und die Geschichte Israels

Von Thomas R. Schreiner

Thomas R. Schreiner ist Professor für Neues Testament am The Southern Baptist Theological Seminary in Louisville, Kentucky und einer der Ältesten in der Clifton Baptist Church. Außerdem ist er Autor zahlreicher Bücher. Der Artikel erschien zuerst bei 9Marks. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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03.02.2021

So gut wie jeder betont heutzutage, dass die Bibel eine Geschichte erzählt und das zu Recht. Oft wird es beschrieben als die Geschichte der Schöpfung, des Falls, der Erlösung und Vollendung. Sie beginnt mit der Schöpfung und endet mit der Neuen Schöpfung.

Wie passt Umkehr in diese Geschichte hinein? Sie gehört in den Abschnitt über Erlösung.

Sicherlich ist Umkehr nicht das zentrale Thema in der Geschichte – sondern das Ziel, zu dem Menschen sich bekehren, ist zentral; was auch das Ziel ist, zu dem wir geschaffen wurden. Wie das Westminster Bekenntnis erklärt ist dies, dass wir geschaffen wurden, „um Gott zu verherrlichen und uns auf ewig an ihm zu erfreuen.“ Es gibt eine kommende Welt, in der wir mit Christus auf ewig gemeinsam regieren werden und wir werden sein Angesicht sehen (Offb 22,4).

Zugleich ist Umkehr grundlegend für die Geschichte, denn ohne sie wären wir nicht Teil von Gottes neuer Schöpfung. Es ist außerdem klar in der Geschichte der Bibel, dass wir in der himmlischen Stadt Gott auf ewig preisen werden für seine Erlösung, dafür, dass er uns aus der Herrschaft der Finsternis gerettet und uns in das Reich seines geliebten Sohnes versetzt hat. Wir werden nie Gottes ausschlaggebendes Rettungswerk in unserem Leben durch Christi Kreuz und Auferstehung vergessen. Es wird immer zentral für unser Lob bleiben.

Da Israels Geschichte den Großteil der biblischen Handlung einnimmt, will ich kurz darstellen, warum Umkehr so grundlegend für die Geschichte ist.

Umkehr und die Geschichte Israels 

Israels Geschichte beginnt schon mit Adam. Adam und Eva wurden geschaffen um Gott zu ehren, indem sie die Welt als Repräsentanten Gottes beherrschen (1Mo 1,26-28). Sie sollten seine Mitherrscher in der Welt sein, die er gemacht hatte. Sie sollten ihre Bestimmung unter Gottes Herrschaft ausführen, indem sie seinen Anweisungen vertrauen und gehorchen. Doch sie rebellierten gegen Gottes Herrschaft, beteten sich selbst als Geschöpfe an, statt dem Schöpfer Preis und Dank zu bringen. Das Resultat ihres Ungehorsams war, dass sie sterben mussten (1Mo 2,17). Sie waren getrennt von Gott von dem Zeitpunkt ihrer Sünde an und ihnen stand der ewige Tod zu, wenn sie nicht umkehrten. 

Als Folge ihrer Sünde war Adams und Evas grundlegende Not die Umkehr. Sie konnten kaum die Welt für Gott beherrschen und seinen Segen für die Erde ausbreiten, wenn sie nicht in einer geheilten Beziehung mit Gott standen. 

Doch trotz allem verhieß Gott, dass die Nachkommenschaft der Frau über die Schlange und ihr Geschlecht triumphieren wird (1Mo 3,15). Die frühe Menschheitsgeschichte zeigt die radikale Bosheit von Menschen. Alle Menschen betreten die Welt als Söhne und Töchter Adams (Röm 5,12-19) und Nachkommen der Schlange (Mt 13,37-38; Joh 8,44; 1Joh 5,19). Nur diejenigen, die Gottes rettende Gnade erleben, werden von der Herrschaft Satans befreit. Kain, zum Beispiel, zeigte, auf welcher Seite er stand, indem er den gerechten Abel erschlug (1Mo 4,1-16).

Wie stark waren die Kräfte des Bösen? Zur Zeit Noahs gab es nur acht Rechtschaffende in der Welt! Die Menschen waren radikal böse und 1. Mose 6,5 bezeugt die Ausbreitung der Sünde. Die Nachkommen der Schlange hatten das Sagen über die Erde, doch Gott zeigte seine Heiligkeit und Herrschaft, indem er die Sünder in der Flut bestrafte. Es gab also einen neuen Anfang, doch es bedeutete keine Veränderung, da das menschliche Herz nicht verändert wurde (1Mo 8,21). Die Lage während des Turmbaus zu Babel (1Mo 11,1-9) zeigt, dass die Welt sich nicht veränderte hatte. Die Welt wurde nicht von Menschen regiert, die den Herrn liebten. Doch die neue Schöpfung sollte erst später mit einem neuen Herzen beginnen. 

Der Zerstreuung und dem Gericht über die Menschheit beim Turmbau zu Babel begegnete Gott mit der Berufung Abrahams (1Mo 12,1-3). Einmal mehr gab es einen Mann in einer bösen Welt. Doch dieser Mann wurde von Gott berufen und Gott verhieß ihm Segen. Kanaan sollte sozusagen das neue Eden werden, und Abraham sollte in gewisser Hinsicht ein neuer Adam sein. Abrahams Kinder sollten Gottes Kinder sein und der Segen für Abraham sollte sich letztlich über die ganze Welt ausbreiten. Menschen sollten die Welt unter Gottes Herrschaft regieren, so wie Adam und Eva dazu berufen wurden. 

Es ist bemerkenswert, wie lange es dauert, bis die Geschichte sich entfaltet. Die Erfüllung der Verheißungen sollte etwa 2000 Jahre auf sich warten lassen. Das erste Buch Mose konzentriert sich auf die verheißenen Kinder an Abraham, Isaak und Jakob. Diese Männer haben nicht das Land Kanaan geerbt, und sie sagen ganz sicher nicht, wie der Segen sich in der ganzen Welt ausgebreitet hat.

Im zweiten bis fünften Buch Mose wird die Geschichte weitererzählt, mit Israels Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten (2Mo 1-15). Gott erfüllte seine Verheißung vieler Kinder – Israels Bevölkerung explodierte. Der Herr befreite sie aus Ägypten, um sie in eine Art des neuen Edens zu bringen, dem Land Kanaan.

In diesem Land kam Gottes Herrschaft über sein Volk zum Ausdruck und die Nationen sollten die Gerechtigkeit, den Frieden und das Wohlergehen eines Volkes sehen, das unter Gottes Herrschaft lebt. Doch die Generation, die Ägypten verließ, erreichte nie das Land (4Mo 14,20-38). Sie vertrauten nicht auf Gottes Verheißungen, obwohl sie die erstaunliche Befreiung aus Ägypten und Gottes Zeichen und Wunder gesehen haben. Ein großer Teil des Volkes, der aus Ägypten befreit wurde, war widerspenstig und rebellierte und kannte Gott nicht richtig (z.B. 1Kor 10,1-2; Heb 3,7-4,11). Ihre Herzen mussten beschnitten werden – bekehrt werden – damit sie den Herrn lieben und fürchten können (5Mo 30,6), sich an ihren Gott hängen und in all seinen Wegen wandeln.

Die Kinder, die nach der Wüstengeneration aufstanden, waren erfolgreich, wo die vorhergehende Generation scheiterte. Josua und Israel vertrauten dem Herrn und gehorchten ihm und ererbten das Land Kanaan, das Abraham verheißen wurde (Jos 21,45; 23,14). Nun war Israel bereit, um in dem neuen Eden zu leben und zu zeigen, wie schön und herrlich es ist, unter Gottes Herrschaft zu leben. Doch es gab immer noch einen Wurm im Apfel, denn Israels Gehorsam gegenüber Gott sollte nur von kurzer Dauer sein. Im Buch Josua liest man, dass Israel nicht zum Segen für die Nationen war, sondern diese stattdessen nachahmte. Sie fielen zurück in gottlose Wege. Der Herr befreite sie immer wieder, als sie umkehrten und trotzdem blieben ihre Herzen unverändert, denn sie kehrten ständig zu ihrer Sünde zurück.

Was musste Israel also tun? Fast 1000 Jahre waren vergangen seitdem Abraham die Verheißung erhalten hatte. Israel war mittlerweile auf eine große Bevölkerung angewachsen und lebte im Land, doch die Verheißung des weltweiten Segens war noch lange nicht erfüllt. Israel begehrte einen König, überzeugt, dass er sie von ihren Feinden befreien würde, wie es auch die Könige anderer Nationen taten (1Sam 8,5).

Als Saul zum König ernannt wurde, war er wie Abraham, ein neuer Adam in gewisser Hinsicht; von Gott ernannt, Israel zu Gottes Ehre zu regieren. Doch Saul, wie Adam, rebellierte gegen den Herrn und wurde deswegen als König verworfen (1Sam 13,13; 15,22-23). Die Herrschaft des Herrn über Israel war nicht erfüllt in Sauls Herrschaft. Gott salbte anschließend David zum König und ganz anders als Saul, war er ein Mann nach dem Herzen Gottes, der die Nation zur Ehre Gottes regierte (1Sam 13,14). Dennoch hat Davids Ehebruch mit Bathseba und die Ermordung Uriahs gezeigt, dass auch er nicht der Mittler sein sollte, durch den Gott die ganze Welt segnen wollte (2Sam 11).

Als Salomon den Thron bestieg, wirkte es so, als stehe das Paradies vor der Tür (1Kö 2,13-46). Seine Regierungszeit war von Frieden charakterisiert und er ließ einen prachtvollen Tempel errichten (2Kö 3-10). Salomon regierte das Volk von Anfang an mit Weisheit und in der Furcht Gottes, doch er entfernte sich von Gott und wandte sich dem Götzendienst zu (1Kö 11). Das Resultat dessen war, dass die Nation in zwei Königreiche geteilt wurde: Israel im Norden und Juda im Süden (1Kö 12). Damit begann eine lange Talfahrt in die Sünde, die mit der Vertreibung Israels durch die Assyrer im Jahr 722 v.Chr und dem Exil Judas in Babylon im Jahr 586 v.Chr. endete (2Kö 17,6-23; 24,10- 25,26). Etwa 1500 Jahre sind seit der Berufung Abrahams vergangen. Die Verheißungen des Landes, der Nachkommenschaft und des Segens an Abraham waren weit entfernt davon in Erfüllung zu gehen. Israel war nicht länger im Land, sondern im Exil. Statt ein Segen für die ganze Welt zu sein, war Israel wie der Rest der Welt geworden.

Warum war Israel im Exil? Was war das Problem? Die Propheten lehren wiederholt, dass Israel wegen seiner Sünde im Exil ist (Jes 42,24-25; 50,1; 58,1; 59,2.12; 64,5). In Jesaja verheißt der Herr einen neuen Exodus und eine neue Schöpfung. Doch der neue Exodus und die neue Schöpfung sollten nur durch Vergebung der Sünden kommen (Jes 43,25; 44,22) und diese Vergebung sollte durch den Tod des Gottesknechts zur Realität werden (Jes 52,13-53,12).

Jeremia lehrt dieselben Wahrheiten. Was Israel brauchte, war ein beschnittenes Herz (Jer 4,4; 9,25). Mit anderen Worten, sie mussten wiedergeboren und bekehrt werden. Jeremia verheißt, dass eine neue Schöpfung bevorsteht, in der Gott das Gesetz auf das Herz seines Volkes schreiben wird und sie befähigt, diesem zu gehorchen (Jer 31,31-34). In derselben Weise schaut das Buch Hesekiel nach vorne auf den Tag, an dem der Herr sein Volk von den Sünden reinigen, ihre Herzen aus Stein durch fleischerne Herzen ersetzen wird (Hes 36,25-27). Ihr verändertes Herz sollte das Werk des Heiligen Geistes sein und als Konsequenz sollte Israel in Gottes Wegen gehen und seinen Anweisungen folgen.

Israel kehrte 536 v.Chr. vom Exil zurück, doch die großartigen Verheißungen in den Prophetenbüchern waren noch nicht vollständig erfüllt. Israel hatte verschiedene Kämpfe in den Tagen Haggais, Sacharjas, Esras, Nehemias und Maleachis. Das verheißene Werk des Geistes war immer noch nicht eingetreten. Sie warteten auf einen König. Sie warteten auf den Anbruch der neuen Schöpfung.

Kein Segen für Israel und die Welt ohne Umkehr

Die Geschichte Israels offenbart, dass die neue Schöpfung und der neue Exodus nicht genossen werden können, ohne die Sündenvergebung und einem beschnittenen Herzen. Die an Abraham gegebenen Verheißungen waren noch nicht erfüllt wegen Israels Sünde und Rebellion. Die Geschichte der Nation ist gezeichnet von wiederholtem Ungehorsam und der Weigerung, den Willen Gottes zu tun. Israels dringende Not war Vergebung ihrer Sünden und Jesaja lehrte, dass diese Vergebung durch die Leiden des Knechtes in Jesaja 53 kommen sollte. Doch Israel brauchte auch das übernatürliche Werk des Heiligen Geistes, um gerettet zu werden; sie mussten umkehren. Umkehr ist grundlegend in der Geschichte Israels, denn die verheißenen Segnungen an Israel und die Welt könnten ihnen niemals zuteilwerden ohne Umkehr.

Fortsetzung zur „Umkehr im Neuen Testament“ folgt in Kürze.


Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Evangelium21 übersetzt. Mehr evangeliumszentrierte Ressourcen gibt es auf evangelium21.net.

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