Mitgliedschaft & Gemeindezucht

Die Rolle der Gemeinde bei der Bekehrung

Von Jonathan Leeman

Jonathan Leeman ist der Redaktionsleiter von 9Marks. Er ist Herausgeber der 9Marks Buchreihe sowie des 9Marks Journal. Jonathan lebt mit seiner Frau und seinen vier Töchtern in einem Vorort von Washington DC (USA) und ist Ältester der Cheverly Baptist Church.
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03.02.2021

Ist die christliche Gemeinschaft für dich Teil der Bekehrungslehre? Wenn nicht, dann fehlt dir ein wesentlicher Faktor. Zu unserem Bundesherrn gehört auch ein Bundesvolk und zum Haupt gehört sein Leib.

Der Beziehung Gott-Mensch folgt unweigerlich die Beziehung Mensch-Mensch

Das bedeutet nicht, dass wir die christliche Gemeinschaft bei der Bekehrung an erste Stelle setzen dürfen. Das wäre verkehrt – wir würden den Karren vor das Pferd spannen. Mir kommt N.T. Wrights bekanntes Zitat über die Rechtfertigung in den Sinn: „[Es gehe bei der Rechtfertigung] weniger um Soteriologie [d.h. die Lehre von der Errettung] als um Ekklesiologie [d.h. die Lehre von der Gemeinde]; weniger um die Errettung als um die Gemeinde“ (What Saint Paul Really Said, S. 119). Das wäre ein hervorragendes Beispiel für das Prinzip, das in Douglas Moos fast ebenso bekanntem Zitat zum Ausdruck kommt: Wir würden „das in den Hintergrund stellen, was das Neue Testament in den Vordergrund stellt und das in den Vordergrund stellen, was das Neue Testament in den Hintergrund stellt“.

Es ist ganz klar: Es kann keine echte zwischenmenschliche Versöhnung geben, ohne dass einzelne Sünder zuerst mit Gott versöhnt worden sind. Die Beziehung Mensch-Mensch folgt zwangsläufig auf die Beziehung Gott-Mensch, nicht andersherum. Die Ekklesiologie folgt der Soteriologie, nicht andersherum. Soll heißen: Der gemeinschaftliche Faktor darf nicht an erste Stelle treten, weil wir sonst mit ihm alles verlieren.

Doch er muss vorkommen, wenn wir über die Bekehrung sprechen. Nicht nur das: Der gemeinschaftliche Faktor muss sogar einer der Kernpunkte der Bekehrungslehre sein. Unsere gemeinsame Einheit in Christus ist nicht nur ein Ergebnis der Bekehrung, sie ist wesentlicher Bestandteil davon. Versöhntes Mitglied von Gottes Volk zu sein, ist nicht gleichbedeutend mit der Versöhnung mit Gott, aber doch untrennbar mit ihr verbunden.

Dieser Punkt geht gelegentlich verloren, wenn wir uns allzu sehr darauf konzentrieren, wie sich die Bekehrung genau abspielt, d.h., wenn unsere theologischen Diskussionen nicht über die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Gottes Souveränität und der menschlichen Verantwortung oder über die Notwendigkeit von Umkehr und Glaube hinausgehen. Doch ein ganzheitliches Verständnis der Bekehrung sollte auch darauf eingehen, was wir hinter uns lassen und in welchen neuen Zustand wir hineinversetzt werden. Wer sich bekehrt, kommt vom Tod zum Leben, aus der Herrschaft der Finsternis ins Reich des Lichts. Wer sich bekehrt, wird außerdem vom Volklosen zum Volksangehörigen, vom verlorenen Schaf zum Teil der Herde, vom Abgetrennten zum Teil des Leibes.

Beachte Petrus’ Parallelismus:

„[Er hat euch berufen], die ihr einst nicht ein Volk wart, jetzt aber Gottes Volk seid, und einst nicht begnadigt wart, jetzt aber begnadigt seid“ (1 Petr 2,10).

Wir empfangen Gottes Gnade (die Versöhnung zwischen Gott und Mensch) und werden gleichzeitig ein Volk (die Versöhnung zwischen Menschen). Gott schenkt uns seine Gnade, indem er uns unsere Sünden vergibt, und eine zwangsläufige Folge dessen ist, dass wir Teil seines Volkes werden.

Der gemeinschaftliche Aspekt der biblischen Bünde

Das gemeinschaftliche Element unserer Bekehrung wird sichtbar, wenn wir die Bundesstruktur der Bibel betrachten. Es stimmt, dass sich alle alttestamentlichen Bünde im Samen (Einzahl, d.h. in dem einen verheißenen Nachkommen) Abrahams erfüllen. Jesus ist das neue Israel. Doch es stimmt auch, dass alle, die durch den neuen Bund mit Christus verbunden sind, ebenso „das Israel Gottes“ und „Abrahams Same“ (Mehrzahl, im Sinne von Nachkommenschaft) werden (Gal 3,296,16).

Mit anderen Worten: Zu unserem Bundesherrn gehört per Definition auch ein Bundesvolk und zum Haupt gehört sein Leib (Röm 5,12ff.). Wer zum Neuen Bund gehört, gehört also automatisch zu einem Volk.

Es überrascht daher nicht, dass die alttestamentlichen Verheißungen eines neuen Bundes in der Regel an ein Volk gerichtet sind: „[Und] es wird keiner mehr seinen Nächsten und keiner mehr seinen Bruder lehren und sagen: ‚Erkenne den HERRN!‘ Denn sie werden mich alle kennen, vom Kleinsten bis zum Größten unter ihnen, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken“ (Jer 31,34). Der neue Bund verheißt Vergebung (Beziehung Gott-Mensch) und eine Gemeinschaft von Brüdern (Beziehung Mensch-Mensch).

Die Perspektive in Epheser 2

Das Ganze wird in Epheser 2 wunderbar auf den Punkt gebracht. Die Verse 1 bis 10 erklären die Vergebung und unsere Versöhnung mit Gott: „Aus Gnade seid ihr errettet!“ Die Verse 11 bis 20 beschreiben dann die zwischenmenschliche Perspektive: „Denn Er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht und die Scheidewand des Zaunes abgebrochen hat“ (2,14).

Beachte die Vergangenheitsform in Vers 14. Christus hat Juden und Heiden bereits eins gemacht. Hier steht keine Aufforderung, kein Imperativ. Paulus ermahnt den Leser nicht zur Einheit. Er spricht im Indikativ über den Ist-Zustand. Es geht darum, was sie bereits sind, weil Gott dafür gesorgt hat, und Gott hat an genau demselben Ort dafür gesorgt, an dem er auch die Versöhnung mit sich selbst vollbracht hat: am Kreuz Christi (beachte auch den Zusammenhang zwischen Indikativ und Imperativ in Eph 4,1–6).

Kraft des Neuen Bundes Christi gehört diese gemeinschaftliche Einheit zum Ist-Zustand der Bekehrung. Wer sich bekehrt, ist Teil des Leibes Christi. Zu unserer neuen Identität gehört das Element Gemeinde. Christus hat uns zu „Gemeinde-Menschen“ gemacht.

Hier ist eine einfache Illustration: Stell dir vor, Mutter und Vater besuchen ein Waisenhaus, um einen Sohn zu adoptieren. Sie bringen ihn nach Hause und geben ihm einen Platz am Familientisch neben seinen neu gewonnenen Brüdern und Schwestern. Ein Sohn zu sein ist nicht dasselbe wie Bruder zu sein. Und die Sohnschaft steht an erster Stelle. Doch die Bruderschaft folgt zwangsläufig darauf.

Man könnte sagen, dass du vom Moment deiner Bekehrung an auch mit aufs Familienfoto kommst.

Persönliche Anwendung

Was ist die Anwendung für dein Leben? Ganz einfach: Tritt einer Gemeinde bei!

Du bist gerechtfertigt worden, also lebe als Gerechtfertigter. Du bist Teil seines Leibes geworden, also werde Teil einer tatsächliche Ortsgemeinde. Du bist eins geworden, also sei eins mit einer tatsächlichen Gruppe anderer Christen.

Anwendung für die Gemeinde

Was bedeutet das für unsere Gemeinden? Es bedeutet, dass es enorm wichtig ist, die zuvor erwähnte Frage, wie sich die Bekehrung genau abspielt, richtig zu beantworten. Wir wollen ein solides Verständnis sowohl von Gottes Souveränität als auch von der menschlichen Verantwortung, sowohl von der Rolle der Umkehr als auch von der des Glaubens vermitteln. Eine Unausgewogenheit in diesen Fragen führt zu unausgewogenen und kaputten Gemeinden. Was du in deinen sinnbildlichen „Topf“ der Bekehrung wirfst, wird man unweigerlich in der „Suppe“ der Gemeinde schmecken.

Wenn deiner Bekehrungslehre ein solides Verständnis von Gottes Souveränität fehlt, dann laufen deine Predigten und deine Evangelisation Gefahr, manipulativ oder gefallsüchtig zu sein. Deine Herangehensweise an die Leitung der Gemeinde dürfte immer pragmatischer werden. Du läufst Gefahr, dich und deine Gemeinde auszubrennen, weil du eure Kalender völlig überlastest. Eure Mitgliedschaft entwickelt sich zu einem exklusiven Club, in den man entweder aufgenommen wird, weil man einen bestimmten Anspruch erfüllt oder weil man bestimmte Leistungen beitragen kann. Rechenschaftsbeziehungen und Gemeindezucht verschwinden hingegen nahezu vollkommen. Du bringst eure Heiligung in Gefahr. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Wenn deiner Bekehrungslehre ein solides Verständnis der menschlichen Verantwortung fehlt, dann läufst du Gefahr, deine eigenen Gaben sowie die Gaben deiner Gemeindemitglieder schlecht zu nutzen. Du legst wahrscheinlich in Sachen Evangelisation und Predigtvorbereitung schneller die Hände in den Schoß. Es fällt dir vermutlich eher schwer, leidenden Menschen gegenüber Liebe und Mitgefühl auszudrücken. Du wirkst auf andere womöglich hart oder oberflächlich. Dein Gebetsleben schläft langsam, aber sicher ein und du verpasst so viel Segen. Du bringst die Liebe in der Gemeinde in Gefahr. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Wenn deiner Bekehrungslehre ein solides Verständnis der Umkehr fehlt, dann neigst du dazu, vorschnell Heilsgewissheit zu vermitteln und den Preis der Nachfolge nur selten zu erwähnen. Du neigst eher dazu, Weltlichkeit und Spaltungen unter den Gemeindemitgliedern zu dulden, und viele von ihnen werden diese Dinge ebenso dulden, weil sie nie aus den Kinderschuhen des Glaubens herauswachsen. Namenschristen in euren Reihen sind keine Seltenheit, weil die Gnade billig ist. Im Allgemeinen singt die Gemeinde eher Lieder über Christus, den Retter, als über Christus, den Herrn, und sie unterscheidet sich nicht weiter von der Welt.

Wenn deiner Bekehrungslehre ein solides Verständnis des Glaubens fehlt, dann ist deine Gemeinde voller ängstlicher, selbstgerechter, gefallsüchtiger Gesetzlicher. Je mehr Selbstbeherrschung die Gemeindemitglieder an den Tag legen, desto besser werden sie sich fühlen, während die weniger selbstbeherrschten Mitglieder ihre Sünden still und heimlich begehen und anfangen, sich selbst zu verdammen und gegen andere bitter zu werden. Ein offener, ehrlicher Umgang ist eine Seltenheit, Heuchelei hingegen verbreitet. Außenseitern und verlorenen Söhne und Töchter schlagen nicht die Wärme und das Mitgefühl echter Gnade entgegen. Kulturell bedingte Vorlieben werden mit dem Gesetz verwechselt werden. Die Gemeinde singt gerne vom Marschbefehl des Königs, aber weniger vom blutbefleckten Lamm, dem Lamm, das für sie geschlachtet wurde.

Ich überzeichne hier natürlich bewusst. Die Probleme lassen sich in Wirklichkeit nicht ganz so sauber einteilen. Aber der grundlegende Gedanke in all diesen Beispielen baut auf dem engen Zusammenhang zwischen der Bekehrung und der Gemeinde auf. Wenn zur Bekehrung zwangsläufig ein gemeinschaftliches Element gehört – oder noch konkreter ausgedrückt: Wenn jede einzelne Bekehrung zwangsläufig ein geeintes Volk schafft, dann muss sich jeder Inhalt und jede Schwerpunktsetzung in deiner Bekehrungslehre spürbar auf die Prägung der Gemeinde auswirken.

Wünschst du dir eine gesunde Gemeinde? Dann arbeite an deiner Bekehrungslehre und lehre deine Gemeinde alle Aspekte. Sorge außerdem dafür, dass die Strukturen und Programme deiner Gemeinde diese facettenreiche und kraftvolle Lehre widerspiegeln.


Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Evangelium21 übersetzt. Mehr evangeliumszentrierte Ressourcen gibt es auf evangelium21.net.

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