Predigen & Theologie

Lieber Pastor, kenne deine Theologie der Heiligung

Von Mike Christ

Mike Christ ist Pastor der Greenbelt Baptist Church in Greenbelt, Maryland. Der Artikel erschien zuerst bei 9Marks. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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03.02.2021

Der Moment, in dem ich mein mangelndes Verständnis der Heiligung sehr klar gespürt habe, ist überaus deutlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Es passierte während eines Kleingruppentreffens, als wir über die Dynamik zwischen unserem Handeln und dem Werk des Heiligen Geistes in der Heiligung sprachen. Entsprechend dem, wie solche Gespräche oft verlaufen, erzählte jeder, was ihm persönlich geholfen hat, in der Heiligung zu wachsen  – oder zumindest, was sie in der Gemeinde darüber gehört haben, was helfen sollte zu wachsen – wie Bibellese, Beten usw. Zugleich beharrte jeder standhaft darauf, dass der Heilige Geist das Werk der Heiligung bewirke. Letztlich platzte eine ehrliche Dame heraus: „Ich verstehe nicht, wie kann ich als Christ wachsen?“

Ein bisschen Hintergrundgeschichte: Diese Dame war Jesus bereits seit vielen Jahren nachgefolgt, doch hatte vor Kurzem festgestellt, dass ihr Wachstum zum Stillstand gekommen ist. Sie betete, kam jeden Sonntag zum Gottesdienst, doch hat auch viel Bitterkeit gegenüber anderen gefühlt und Dinge gesagt, die sie hinterher bereute. Sie verstand, dass ihre Sünde Gott traurig machte. Deswegen wusste sie, dass sie sich nicht einfach zurücklehnen und darauf warten konnte, bis Gott sie heiligt. Doch sie begann auch zu verstehen, dass ihre Heiligung nicht von ihren eigenen Werken abhängig war. Sie arbeitete hart daran, aber das führte nirgendwo hin. Etwas früher am Abend hatte ich erzählt, dass das Augenmerk weg von dem Evangelium Christi hin zu uns gelenkt wird, wenn wir geistliche Disziplinen als eine direkte Folge unserer Heiligung sehen, und das verhindert Wachstum. Ich konnte erkennen, dass sie genau das erlebt hatte, auch wenn es sie erschreckte. 

Doch ich konnte ihre Frage nicht beantworten, da mein Verständnis der Rettung lückenhaft war. Ich verstand nicht das organische Gesamtbild der verschiedenen Prozesse, die dazu gehören – wie Rechtfertigung und Heiligung – vieles widersprach sich. Ich murmelte irgendetwas Unzusammenhängendes vor mich hin, länger als jeder es sich gewünscht hatte, und dann war das Gespräch vorbei und wir gingen über zu Getränken und Snacks. Was gibt es besseres als Snacks, um eine unangenehme Spannung zu lösen?

Die Verantwortung des Pastors 

Ich glaube nicht, dass jeder Christ eine Theologie der Heiligung artikulieren können muss, um geheiligt zu werden, genauso wenig wie meine Frau und Tochter die Psychologie der Mutter-Kind-Bindung erklären müssen, um sich miteinander verbunden zu fühlen. Wir können uns von Christus nähren und gut wachsen, auch wenn wir nicht verstehen, wie es passiert. Doch, um in dieser Analogie zu bleiben, was passiert, wenn etwas verkehrt läuft in der Mutter-Kind-Bindung? Ich hoffe dann, dass es jemanden gibt, der etwas davon versteht, um ihnen zu helfen. 

Und das ist der Grund, warum Pastoren ihre Theologie der Heiligung kennen müssen. Vielleicht denkst du: „Ist das nicht die Aufgabe eines Seelsorgers?” Ja. Doch, lieber Pastor – ich denke an diejenigen, die hauptsächlich predigen und lehren – du hast die Verantwortung, eine gute Theologie der Heiligung zu predigen, damit ebendiese Seelsorger ihre Leute in die richtige Richtung weisen. Denk darüber nach: Wenn du nicht predigst mit der Heiligkeit deiner Leute im Blick, was machst du dann? Natürlich willst du sie nicht nur unterrichten oder schlimmer noch, einfach nur unterhalten. Du willst, dass deine Leute verändert werden. Doch hast du ein Muster davon, wie das aussehen soll? Wenn nicht, woher weißt du, dass du sie in die richtige Richtung weist? 

Wo wir oft falschliegen

Die Gefahr ist, dass unsere Heiligung in Zügellosigkeit oder Gesetzlichkeit entgleist. Gesetzlichkeit hält Heiligung für ein Werk, das wir tun. Man tut gewisse Dinge, um seine Rettung zu erarbeiten. Oder man tut sie, um Gottes Wohlgefallen zu verdienen. Man denkt: „Wenn ich mit X aufhören kann oder anfange mit Y, dann wird alles gut.“ Das ist Gesetzlichkeit, weil es Gehorsam als Bedingung für eine Beziehung mit Gott ist, statt Gehorsam aus der Beziehung mit Gott heraus.

Der andere Irrtum ist Zügellosigkeit und diejenigen, die ihm anhängen werden Antinomisten (anti– gegen; nomas– Gesetz) genannt. Sie rührt daher, dass ihre Anhänger sich so sehr auf das konzentrieren, was Christus bereits getan hat, dass sie glauben, es gäbe keinen Raum mehr für eigene Werke. Antinomisten beobachten das ernüchternde Versagen, das man erlebt, wenn unsere Anstrengungen ins Leere führen und (fälschlicherweise) ziehen sie den Schluss, dass wir überhaupt keine Anstrengung aufbringen sollten.

Lasst uns darüber nachdenken, was passiert, wenn wir kein klares Muster für Heiligung haben. Wir könnten Leute ermutigen, ihre Gesetzlichkeit mit Zügellosigkeit zu bekämpfen und ihre Zügellosigkeit mit Gesetzlichkeit abzuwehren. Ich erinnere mich an eine Gruppe von jungen Studenten, die nicht wollten, dass ich weiter über das Evangelium spreche, weil sie fürchteten, es würde ihren Antrieb für Heiligkeit untergraben. Ich weiß von anderen Leuten, die, wenn sie ehrlich sind, beruhigt darüber sind, dass sie sündigen, da es beweist, dass sie nicht gesetzlich werden. Doch das ist nicht biblische Heiligung und wir sollten diese Denkweise nicht unterstützen.

Eine Pseudo-Heiligung zu fördern ist einfacher als man denken mag. Ich habe gehört, wie gute Pastoren gegenüber ihrer Gemeinde alles ausschütten, was sie tun sollten, ohne ihnen zu sagen, mit welcher Kraft sie dies tun können. Ich habe Predigten gehört, in denen die Gnade so losgelöst war von einem heiligen Leben, dass Paulus Frage: „Sollen wir etwa sündigen, damit die Gnade zunehme?“ bejaht werden würde. Nun, diese Probleme werden korrigiert mit einem Predigtansatz, bei dem Christus als Zentrum jedes Textes gesehen wird. Doch wir brauchen eine Theologie der Heiligung, damit wir einen Schritt weiter gehen können und fragen: „Wenn wir zu Christus kommen, wie können wir Christus anziehen und den fleischlichen Begierden keinen Raum geben?“

Ich will damit nicht sagen, dass jede Predigt einen langen Exkurs über die Lehre der Heiligung bedarf. Sie kann vielleicht in einem Satz auftauchen, nachdem wir in unserer Predigt zu Christus gekommen sind. Oder vielleicht wird es auch deutlich in dem, was du einer Person, die gerade notleidend oder auch ein bisschen selbstgefällig ist, zwischen Tür und Angel sagst. Es geht um Folgendes: Wenn „Christus anziehen“ und „nach Dingen suchen, die droben sind“ hauptsächlich Anweisungen sind, die mit unserer Heiligung zu tun haben, dann sollten wir wissen, was es bedeutet, ihnen zu folgen, und es sollte in unseren Predigten klar kommuniziert werden. 

Heiligung in Christus 

Eine in sich schlüssige Theologie der Heiligung muss deswegen die Notwendigkeit des Wachstums betonen, ohne dabei die Gnade zu vermindern. Sie muss die Gnade betonen, ohne die Notwendigkeit des Wachstums zu schmälern. 

Wie können wir das tun? Ich will das hier nur kurz skizzieren. Das eigentliche Ziel des Artikels ist es, uns zu motivieren, uns mit dem Thema Heiligung zu beschäftigen. Der erste Schritt ist es, Heiligkeit in Verbindung zur Rettung zu sehen. Wir sollten aufhören über „Gerettet“- und „Heilig“-Sein als zwei getrennte Dinge zu sprechen, die gegeneinander ausgespielt werden können. Wir sollten es leid sein, wenn Epheser 2,8-9 – „aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, nicht aus Werken“ – ohne 2,10 zitiert wird: „Denn wir sind sein Gebilde, geschaffen zu guten Werken.“ Rettung beinhaltet Heiligkeit – nicht als Bedingung für sie, doch als Teil von ihr. Pass bitte genau auf: Die Bibel kennt die Spannung von freier Gnade und guten Werken nicht.

Warum nicht?

Die Frage bringt mich zu einem zweiten sehr weitgehenden Thema: Rettung ist Einssein mit Christus. Leider stellen wir uns Rettung oft vor als eine riesige Palette von einzelnen, eingepackten Geschenken. Es gibt das Geschenk der „Vergebung“, „des Geistes“, „Erlösung“, usw. Das Problem damit ist, dass jedes einzelne Geschenk für sich alleine existiert und so die Überbetonung der einen Gabe in Konkurrenz steht mit der Überbetonung einer anderen Gabe.  Zum Beispiel, wenn ich das großartige Geschenk der Vergebung genieße, muss ich dann wirklich das Geschenk auspacken, das mit „Heiligung“ beschriftet ist? Oder wenn ich die „Heiligung“ genieße, muss ich mich dann wirklich an dem Geschenk der „zugerechneten Gerechtigkeit“ festhalten? 

Eigentlich geht es bei der Rettung darum, Christus zu empfangen, der für uns alles geworden ist, was wir für unsere Rettung brauchen. Wir sind „in Christus Jesus“, der für uns „zur Weisheit Gottes, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung“ geworden ist, weil jedes Geschenk dadurch zu uns kommt, dass wir Christus empfangen, sodass sie perfekt zusammenhängen. Sündenvergebung und angerechnete Gerechtigkeit sind keine Ausreden, um sich zurückzulehnen und auszuruhen, sondern sie erlauben uns, Christus zu nahen und Hilfe zu empfangen für ein heiliges Leben. Wenn wir ein heiliges Leben führen, ignorieren wir nicht unsere Rechtfertigung, sondern werden so gefesselt von Gottes Heiligkeit, dass wir eine größere Wertschätzung von Christi angerechneter Gerechtigkeit bekommen. Der Geist verbindet das Leben als Christ ebenfalls; derselbe Geist, der Jesus von den Toten auferweckt hat „zu unserer Rechtfertigung“ (Röm 4,25) macht uns auch eins mit Christus, schenkt uns Frucht und betet zu Gott für uns. 

Mit anderen Worten ist Wachstum ein Aspekt unserer Rettung, der uns unausweichlich näher zur Person Jesu führt und in die geistliche Gemeinschaft mit ihm, was uns wiederum Zugang gibt zu allen Vorzügen, die wir in ihm haben. Wir haben jeden geistlichen Segen in Christus. Wenn wir auf unsere Rettung als ein großes Paket blicken, können wir nicht einen Vorzug gegen den anderen ausspielen. Das bedeutet, dass wir unsere Gesetzlichkeit nicht mit unserer Zügellosigkeit ausgleichen. Wir kämpfen gegen Gesetzlichkeit und Zügellosigkeit mit Christus. 

Denke über Heiligung nach!

Ich bin so dankbar für die Frage der Dame, da sie mich herausgefordert hat, über das Thema Heiligung nachzudenken. Egal, wie viel wir bereits von dieser Lehre erfasst haben, es gibt immer noch mehr, was wir noch nicht verstanden haben – und unendlich mehr, was wir noch erleben müssen. Doch schon ein grundlegendes Muster der Heiligung, wenn es biblisch ist, wird uns helfen, unsere Leute tiefer zu Christus zu führen und dadurch auch tiefer in die Heiligkeit.   

In protestantischen Kreisen gibt es den Druck, Rechtfertigung zu verstehen. Das ist sehr gut. Doch lasst uns sicherstellen, dass wir Heiligung nicht vernachlässigen.


Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Evangelium21 übersetzt. Mehr evangeliumszentrierte Ressourcen gibt es auf evangelium21.net.