Predigen & Theologie

Ist die Bibel zu kompliziert für Menschen, denen das Lesen schwerfällt?

Von Andy Prime

Andy Prime ist Absolvent des Oak Hill College und war Pastor an der Charlotte Chapel in Edinburgh. Im September 2014 schloss er sich 20schemes an und gründete eine Gemeinde in Edinburgh (Schottland).
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03.03.2021

Ich habe erst mit 18 oder 19 richtig lesen gelernt. Ich meine: richtig Bücher lesen. Davor beschränkte sich mein Lesen auf die Speisekarte im Restaurant oder die Fußballergebnisse im Fernsehen. Doch dann las ich dieses eine Buch und bemerkte, wie gut es mir gefiel. Mir ging auf, dass das Bücherlesen vielleicht doch keine so schlechte Sache sei.

Ein Bekannter schenkte mir ein kleines Buch von einem super intelligenten Typen namens John Owen (der außerdem für seine kniehohen Lederstiefel und etwas zu viel Wachs in den Haaren bekannt ist). Ich habe es regelrecht verschlungen. Danach bin ich in den nächsten christlichen Buchladen gegangen, um noch mehr Büchern von diesem Autor zu finden. Ich fand eins mit dem Titel: The Death of Death in the Death of Christ. Also habe ich es gekauft und mit nach Hause genommen.

Auf der ersten Seite las ich in altem Englisch (kein guter Anfang – alte Sprache ist meist schwer zu verstehen):

„To the Reader—If thou intendest (not a good start—old words are hard words) to go any farther, I would entreat thee to stay here a little. If thou art, as many in this pretending age, a sign or title gazer, and comest into books as Cato into the theatre, to go out again,—thou hast had they entertainment; farewell!“

„An den Leser: Wenn du gedenkst, weiterzulesen, dann lass mich dir raten, innezuhalten. Wenn du, wie so viele in dieser auf den äußeren Schein bedachten Zeit, nur ein Bilder- oder Titelgaffer bist und an Bücher herantrittst wie Cato ins Theater, dann geh wieder fort – du hattest deine Unterhaltung und nun leb wohl!“

Mit anderen Worten: „Wenn du auf einer Skala von Dummkopf bis Professor am Dummkopf-Ende der Skala einzuordnen bist, dann lege das Buch vorsichtig zurück und lass es sein.“ Eine Seite, ein Satz, eine Zeile und schon sagt man mir: „Geh wieder fort – du hattest deine Unterhaltung und nun leb wohl!“ Ich hatte John Owens Stimme im Ohr, die mich über Jahrhunderte hinweg mich zu verspotten schien: „Andy, gib es auf. In diesem Buch gibt es keine Bilder. Es ist zu schwierig für dich. Es ist einfach unerreichbar für jemanden wie dich. Geh lieber zurück zu deinem Fernseher.“ Also habe ich das Buch zugeklappt und es seitdem nie wieder gelesen.

Hier ist meine Frage: Gilt das auch für die Bibel? Ist die Bibel nur für Professoren, Experten, Intellektuelle und Supertheologen? Ist sie nur für John Owen und nicht für Andy Prime? Ist sie nur für Prediger und nicht für Gemeindemitglieder? Ist sie nur für die Mittelklasse? Kann die Bibel auch für die Sozialwohnungsblocks hier bei mir oder die Problemviertel in deiner Nähe gut sein? Ist sie zu schwierig? Ist sie unerreichbar für normale Leute und nur für einige Profis gedacht?

DAS WORT DES LEBENS

Höre das Wort des Herrn aus 5. Mose 30,14: „Das Wort ist sehr nahe bei dir.“

Mose steht hier im 5. Buch Mose vor Gottes Volk und atmet nach drei „Mammutpredigten“ tief durch. Nach dieser Predigtflut war das Volk höchstwahrscheinlich überfordert von der Menge des Gehörten. Doch wir sehen, dass Mose seine Predigten in 30,11-14 mit vier Dingen zusammenfasst, die das Wort des Lebens nicht ist.

Das Wort des Lebens ist:

  •       nicht zu schwer.
  •       nicht unerreichbar.
  •       nicht weit oben im Himmel.
  •       nicht irgendwo hinter dem Horizont.

Gott sagt, dass sein Wort nicht zu kompliziert für dich ist. Es ist nicht unzugänglich; es ist nicht unpraktisch; es nicht unmöglich zu verstehen; es ist nicht lediglich für eine Elite an Intellektuellen; und es ist nicht nur für deinen Priester, Pfarrer oder Pastor. Um Gott zu kennen und sein Wort zu verstehen, musst du nicht irgendein geistlicher Superheld sein. Die Bedeutung seines Wortes ist nicht etwa den meisten Menschen verborgen. Sie kann nicht nur von einigen Superschlauen und Vielbelesenen entdeckt werden.

Mose sagt in 30,14: „Das Wort ist sehr nahe bei dir.“ Diese Aussage ist ebenso einfach wie kurz. Gottes Wort ist klar verständlich, weil er es wirklich nahegebracht hat. Nahe genug, dass du es sehen kannst; nahe genug, dass du es hören kannst; nahe genug, dass du es anfassen kannst; nahe genug, dass du es erkennen kannst. „Das Wort ist […] in deinem Mund und in deinem Herzen.“

Wir lesen hier nicht das erste Mal im 5. Buch Mose von „Nähe“. Schon in 5. Mose 4,5-8 lesen wir:

„Siehe, ich habe euch Satzungen und Rechtsbestimmungen gelehrt, so wie es mir der HERR, mein Gott, geboten hat, damit ihr nach ihnen handelt in dem Land, in das ihr kommen werdet, um es in Besitz zu nehmen. So bewahrt sie nun und tut sie; denn darin besteht eure Weisheit und euer Verstand vor den Augen der Völker. Wenn sie alle diese Gebote hören, werden sie sagen: Wie ist doch dieses große Volk ein so weises und verständiges Volk! Denn wo ist ein so großes Volk, zu dem sich die Götter so nahen, wie der HERR, unser Gott, es tut, so oft wir ihn anrufen? Und wo ist ein so großes Volk, das so gerechte Satzungen und Rechtsbestimmungen hätte, wie dieses ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?“

Gottes Nähe zeigt seine Größe und seine Gnade. Ein unendlicher Gott hat sich endlichen Menschen zu erkennen gegeben. Der Gott aller Weisheit hat einem törichten Volk sein gutes Gesetz gegeben. Der Gott des Universums macht ein winziges, unbedeutendes Volk zum beneidenswertesten unter allen Völkern. Ein heiliger Gott kommt einem sündigen Volk nahe.

Der Kontext des 5. Buchs Mose offenbart, dass Mose bereits wusste, dass das Volk scheitern würde. Es war sogar zu erwarten und zwar nicht, weil Gottes Gebote unverständlich für das Volk waren, sondern weil das Volk ihnen einfach keinen Gehorsam schenkte. Doch neben der Erwartung des Scheiterns, zeigt der Kontext auch eine Verheißung, die Gott macht. In 5. Mose 30,6 lesen wir: „Und der HERR, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, dass du den HERRN, deinen Gott, liebst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, damit du lebst.“

Die wahre Reaktion auf das Gesetz war kein superheldenstarker Gehorsam. Das Leben war vielmehr im Vertrauen auf die Verheißungen Gottes für die Zukunft zu finden. Das Leben zu wählen bedeutete, darauf zu vertrauen, dass Gott dem Volk in seinen Verheißungen nahegekommen ist.

DAS WORT CHRISTI

Wenn du in deiner Bibel nach vorne blätterst und in der Heilsgeschichte vorspulst, dann stößt du in Römer 10 auf die Erfüllung dieser Verheißung. Wir sehen, wie Paulus hier Moses‘ Sprache aufgreift, um eine ähnliche, aber leicht weiterentwickelte Aussage zu machen. Er geht von der Klarheit der Worte Gottes über zur Klarheit Christi und zur Klarheit der Errettung. Paulus zitiert 5. Mose 30, um das Evangelium auf den Punkt zu bringen. Ebenso wie es in 5. Mose 30 nicht nur eine Sache für Superhelden war, das Gesetz im Mund zu haben und im Herzen zu erkennen, genauso ist die Errettung in Römer 10 nicht nur Menschen mit geistlichen Superkräften vorbehalten.

Gottes Größe und Gnade zeigen sich in seinem Wort, weil wir in seinem Wort klar und deutlich den Retter erkennen, der die Erfüllung der Verheißungen ist, die Gott in der Vergangenheit gemacht hat. In Römer 10 richtet die Kamera den Autofokus mit höchster Auflösung auf Jesus. Du musst nicht hinauf in den Himmel steigen, wenn du Gott kennenlernen möchtest, weil Gott schon längst in der Person seines Sohnes zu dir hinuntergekommen ist. So nah ist er gekommen! Du musst nicht erst hinab in die Tiefe steigen, um gerettet zu werden, weil Gott in Jesus schon längst ins Grab hinabgefahren und von dort auferstanden ist, um uns neues Leben zu schenken. So klar ist es geworden!

Paulus macht deutlich, dass wir uns die Errettung nicht mit unseren eifrigen Bemühungen, das Gesetz zu halten, erarbeiten können. Das ist viel zu schwer für uns. Er schenkt uns die Errettung aus seiner Gnade. Wir sind keine Superhelden – und wir müssen es auch nicht sein. Gott ist uns in seinem Sohn, Jesus, dem Herrn, nahegekommen. Dieser Jesus, vollkommen Gott und vollkommen Mensch, der gehorsam war, als wir ungehorsam waren, starb wegen unserem Ungehorsam als Verfluchter, damit wir unter dem Segen seines Gehorsams leben können. In ihm kommt uns die Errettung nahe, sie kommt in unsere Reichweite und wird für alle ohne Unterschied zugänglich. Was die Klarheit der Schrift so wichtig macht, ist die Klarheit des Retters. Die Herrlichkeit der Klarheit der Schrift besteht in der Nähe des Retters.

WARUM IST DAS WICHTIG?

Warum ist diese Lehre so wichtig für unseren Dienst? Die meisten Menschen in deiner Nachbarschaft lesen vielleicht viel mehr als du und ich. Es wird aber auch einige Analphabeten und ungeübte Leser geben. Wenn uns das klar ist, können wir nicht die Augen davor verschließen, dass Gott sich – vollkommen und endgültig – in einem Buch offenbart hat.

Wenn wir also mit Menschen im Gespräch sind, die es gar nicht gewohnt sind bzw. kein Verlangen danach haben, ein Buch zu lesen, können wir vollkommene Gewissheit haben, dass Gott nahe und dass Jesus klar erkennbar sein wird, wenn wir die Bibel aufschlagen. Klar wird es Dinge geben, die sie – und wir! – nicht ganz verstehen. Das Westminster Bekenntnis erklärt: „In der Schrift sind nicht alle Dinge in sich selbst klar“, d. h., dass einige Dinge schwerer zu verstehen sind als andere. Der Apostel Petrus gibt beispielsweise selbst zu, dass Paulus manchmal sehr schwer zu lesen ist: Was er schreibt, ist manchmal schwierig zu verstehen, aber nie unmöglich, nie unerreichbar.

Darum ist unser Dienst ein Wortdienst. Darum ist unsere Aufgabe, Gottes Wort zu predigen und zu verkündigen, damit Gott durch seinen Heiligen Geist blinde Augen öffnet, wenn er die Decke von ihrem Herzen wegnimmt und ihnen die Schuppen von den Augen fallen lässt, damit sie ihn sehen können.


Anmerkung des Herausgebers: Dieser Artikel ist ursprünglich auf der Website von 20schemes erschienen.


Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Evangelium21 übersetzt. Mehr evangeliumszentrierte Ressourcen gibt es auf evangelium21.net.